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Fördern und fordern

Erzählwerkstatt ...

.  . . oder Märchenstunde für Erwachsene

Nein, ich bleibe dabei, ich mag keine Märchen! Zumindest die klassischen Märchen - diese Einschränkung muss ich jetzt wohl machen - mag ich immer noch nicht. Aber irgendwie faszinierend waren sie schon, die Geschichten, die Odile Néri-Kaiser unseren Kindern im Unterricht und uns Eltern erzählt hat. Es waren nicht nur die Geschichten, die fesselten, auch die Art der Märchenerzählerin hatte eine ganz eigene Wirkung: Sie erzählte oft mit dem ganzen Körper und ging so manches Mal auf uns Zuhörer in der Geschichte ein. Für jede Situation hatte sie eine passende Erzählung auf Lager. Nicht zuletzt ihr französischer Akzent, der für unsere Ohren doch recht ungewohnt ist, versetzte einen gleich in eine andere Welt. Sie hat uns gelehrt, dass Märchen keine Grenzen kennen, dass es in allen Kulturen ganz ähnliche Märchen gibt und was uns die Märchen eigentlich sagen wollen. Sie hat uns zu Kindern werden lassen, die gespannt der Geschichte lauschen und uns dabei klar gemacht, wie wichtig Sprache und Erzählen für die Entwicklung unserer Kinder ist. Und wir durften am eigenen Leib erfahren, wie die Geschichten unsere Herzen öffneten und wir von uns und unseren Kulturen zu erzählen begannen. Obwohl wir eigentlich gekommen waren, um ein Märchen zu hören, vertieften wir uns in Gespräche über unsere Kulturen und Religionen, merkten, wie ähnlich wir uns doch sind in unseren Werten und Wünschen, ganz gleich, wo wir geboren und aufgewachsen sind.

Zugegeben, anfangs bin ich da eher hingegangen, weil ich mich verpflichtet gefühlt habe. War auch wirklich ein ungünstiger Termin, mittwochs um halb zwölf. Ich musste mich schwer am Riemen reißen, um ihn nicht zu verbummeln. Aber mit jeder Woche bin ich lieber hingegangen, war gespannt, wo uns die Geschichten dieses Mal hinführen, was sie mit uns machen und welche Gedanken und Ideen sie auslösen.

Eine Idee war das Frühlingsfest der Geschichten, das an einem Samstag-Nachmittag im April in der Stadtteilbücherei stattgefunden hat. Dort haben wir Geschichten von drei verschiedenen Erzählerinnen gehört, wir haben aber auch gemeinsam eine Geschichte erzählt von der Steinsuppe in vielen Sprachen. Und wir haben gemeinsam gesungen davon, wie alles klein beginnen muss. Am Ende gab es noch Leckereien aus vielen Ländern.

Insgesamt war es eine wertvolle Erfahrung für mich. Nicht nur das Kennenlernen von schönen Märchen, sondern insbesondere auch das Kennenlernen anderer Kulturen und Menschen. Schön wäre es, wenn Frau Néri-Kaiser auch in diesem Schuljahr wieder käme und uns und den Kindern Märchen aus aller Welt erzählte. Und schön wäre es schon, wenn diese und andere Geschichten dann in Untertürkheim ihre Kreise ziehen, weitererzählt und auch ausgeschmückt werden, wie es einst üblich war als es noch keine Fernseher und Computer gab. Aber auch ich muss da noch viel lernen oder wieder erlernen von unserer Märchenerzählerin.

                                                                                                          Eva Dittmann